Montag, 10. Oktober 2011

Humorismus und Islamismus

Hamed Abdel-Samad trifft  "Ahmed und Salim"
Neulich war ich auf einem Vortrag des ägyptischstämmigen, islamkritischen Politikwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad, der durch Bücher wie "Der Untergang der islamischen Welt", vor allem aber durch seine Auftritte als Sidekick von Henryk Broder auf dessen "Deutschland-Safari" bekannt geworden ist.

Mir gefiel sein Vortrag, bei dem er sich vor allem mit der aktuellen politischen Entwicklung in den arabischen Ländern kritisch auseinandersetzte, sehr gut. Ich habe Abdel-Samad als echten Humanisten erlebt, der sich für eine klare Trennung von Religion und Politik einsetzt.


Was wird aus dem "arabischen Frühling"?

Schon zu Beginn seines Vortrags machte er deutlich, dass er den so genannten "arabischen Frühling" keineswegs so rosig sieht wie viele deutsche Journalisten. Die Gefahr, dass die arabische Demokratiebewegung durch gut organisierte Islamisten gekapert und missbraucht wird, hält er für sehr real.

Und doch sieht Abdel-Samad, der selbst auf dem Tahrir-Platz gegen das ägyptische Regime demonstriert hat, viele positive Entwicklungen, die es zu unterstützen gilt. Den größten Teil seines Vortrags widmete er daher nicht der "Islamkritik" (er setzte wohl voraus, dass man seine Bücher kannte), sondern konkreten Lösungsvorschlägen - etwa einem Schuldenerlass für Ägypten und einem verstärkten wirtschaftlichen Engagement deutscher Firmen in arabischen Ländern, z.B. in der Solarenergie.

Er sieht einen "Clash of Civilisations" nicht nur zwischen westlicher und islamischer Welt, sondern vor allem innerhalb der arabischen Gesellschaften. Viele junge Menschen seien dort durch den Einfluss des Internets wirklich an Freiheit und Demokratie interessiert. Ihr Wunsch nach einem freien, selbstbestimmten Leben kollidiert natürlich mit einer totalitären Gesellschaftsordnung, in der die Autorität des Vaters, des Diktators und des Imams lange Zeit heilig waren.


Zwei Arten von Islamkritik

Als ich danach noch mit einigen Teilnehmern beim Bier zusammensaß und über den Vortrag diskutierte, war ich sehr überrascht, dass einige der Anwesenden Abdel-Samad als "zu weich" empfanden. Sie hatten wohl mehr scharfe Islamkritik erwartet. Einige mutmaßten sogar, er betreibe Taqiyya, die islamische Verschleierungstaktik: hinter seiner humanistischen Fassade verberge sich doch nur ein Islamist.

Diese Argumentation ist typisch für Konsumenten bestimmter "islamkritischer Blogs". Diese scheinen das Urteilsvermögen mancher Menschen erheblich zu schwächen. Wer sich täglich Artikel reinzieht, in denen mit Schaum vor dem Mund der "Untergang des Abendlands" herbeigeschrieben wird, kann mit tiefgehender, aber konstruktiver Kritik offensichtlich nichts anfangen und wittert überall Verschwörung.

Dabei sind es gerade Menschen wie Abdel-Samad, deren Islamkritik ich für besonders wirksam halte. Wer als Kind den Koran auswendig lernte, zeitweilig gläubiger Muslim war, dann jedoch "vom Glauben zum Wissen konvertierte" (so Abdel-Samad im Untergang der islamischen Welt), ist viel überzeugender, als jemand, der seinen Hass auf Ausländer als "Islamkritik" tarnt. Die liegt schließlich im Trend und wird auch von klugen Leuten wie Henryk Broder, Ralph Giordano oder Alice Schwarzer geübt.

Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen der intelligenten, auf den tief verinnerlichten Werten der Aufklärung basierenden Islamkritik und dem plumpen Auskotzen über "Musels", wie es auf manchen Blogs betrieben wird.


Humor statt Islamismus

Das wirksamste Mittel gegen Islamismus ist für mich der Humor. Ist es nicht bezeichnend, dass die Empörung unter Fanatikern über Karikaturen und fein geschliffene Kritik am lautesten ist? Wer hingegen selbst zum Fanatiker wird und voller Zorn über seine vermeintlichen Feinde schimpft, ist für mich von den Witzfiguren mit Bart und Turban, die Flaggen verbrennend umherhüpfen, nur noch an Äußerlichkeiten zu unterscheiden.

Humor und Ironie sind den totalitären Denkern auf beiden Seiten fremd. Eine Folge der großartigen "Ahmed-und-Salim"-Serie aus Israel, ein Video von Pat Condell oder eine Glosse von Henryk Broder können meiner Ansicht nach tausendmal mehr bewirken als die Hasstiraden der "Abendland-in-Christenhand"-Fraktion.

Ein weiterer Schlüssel zur erfolgreichen Islamkritik ist für mich die bewusste Trennung von Islam und Islamismus. Diese säkulare Sicht wird von Islamisten wie von Pseudo-Islamkritikern gleichermaßen abgelehnt. Für beide gibt es nur "den Islam", der zugleich Religion wie Gesellschaftsordnung und politische Weltanschauung ist.

Verharrt man in dieser starren Denkweise, scheint ein "dritter Weltkrieg" zwischen Islam und westlicher Welt unausweichlich. Man kann dann nur resignieren oder zum "Kreuzritter" werden. Definieren wir hingegen - ganz subversiv und entgegen der Deutungshoheit der Imame - Islam als den spirituellen Weg des Individuums, Islamismus hingegen als die für alle Bereiche der Gesellschaft gültige Ideologie, können wir einer möglichen Islamisierung sehr viel wirkungsvoller entgegentreten.

Es ist unrealistisch, die zur Zeit  rund 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt in Christen oder gar Atheisten umzuerziehen. Lässt man diesen Menschen hingegen ihren individuellen Glauben, überzeugt sie aber davon, dass ein Buch aus dem siebten Jahrhundert für die Fragen der heutigen Gesellschaft keine Antworten mehr bieten kann, ist die Chance sehr viel größer, die Gefahr des Islam zu bannen.


Der Virus der Freiheit

Wenn Muslime die vielen Koransuren, die zur Gewalt, zur Tötung von Ungläubigen und zur Züchtigung von Frauen aufrufen, eines Tages für sich als nicht mehr gültig ansehen (so wie die meisten Christen heute sehr gut ohne die alten Dogmen der Kirche auskommen), können Sie von mir aus so viel Richtung Mekka beten, wie sie wollen. Es gilt also, die liberalen Reformkräfte in den islamischen Ländern mit allen Mitteln zu unterstützen und das System Islamismus von innen aufzuweichen, indem man es mit dem Virus der Freiheit infiziert. Dass dieser auch in der islamischen Welt wirken kann, hat die arabische Revolution gezeigt, obwohl ihr Ausgang noch offen ist.

Auch der Kommunismus wurde letztendlich nicht durch militärische Gewalt besiegt, sondern durch die Überlegenheit der marktwirtschaftlichen, auf Freiheit beruhenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die meisten Menschen wollen einfach in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben. Totalitäre Ideologien wie Nationalsozialimus und Kommunismus mögen für einige Zeit attraktiv wirken, doch auf lange Sicht können sie nicht funktionieren, wie die Geschichte bewiesen hat.

Auch den Islamismus werden wir nicht durch "Kreuzzüge" besiegen, sondern durch Humor, Gelassenheit und das Vertrauen darauf, dass Demokratie, Marktwirtschaft und eine freie Gesellschaftsordnung die Bedürfnisse der Menschen am besten befriedigen und sich daher langfristig durchsetzen werden - was eine gewisse Wehrhaftigkeit und ein entschlossenes Handeln gegen den Missbrauch von Freiheiten nicht ausschließt.