Donnerstag, 22. September 2011

Grüß Gott, Herr Ratzinger!

Joseph Ratzinger zu Besuch in seiner alten Heimat
Der Papst zu Besuch in Deutschland, das ist ein Ereignis, das die Gemüter bewegt und stark polarisiert. Es gibt Gegendemos und Proteste, rund 100 Abgeordnete des Bundestags wollen seiner Rede fernbleiben um - ja, gegen was eigentlich zu protestieren? Gegen das gestörte Verhältnis dieses älteren Herrn zur Sexualität? Seinen nicht mehr ganz zeitgemäßen Kleidungsstil? Seine Überzeugung, der einzig wahren Religion anzugehören, während alle anderen arme Sünder sind, die bekehrt werden müssen? Ich finde, wenn Herr Ratzinger diese Ansichten hat, ist das seine Privatsache. Wir leben in einem freien Land, in dem jeder Mensch glauben kann, was er oder sie möchte, so abstrus es sein mag.

Heißen wir Herrn Ratzinger bei seinem Besuch in Deutschland also herzlich willkommen! Es scheint ja immer noch Menschen zu geben, die ihn als spirituellen Lehrer ansehen. Ich persönlich kann das zwar ebensowenig nachvollziehen wie die Begeisterung für Bhagwan oder das Fliegende Spaghettimonster, aber die Religionsfreiheit ist ein wichtiges Gut in einer freien Gesellschaft, das es zu respektieren gilt, solange im Namen der Religion Menschen kein Schaden zugefügt wird. Religiöse Führer, die ihre Jünger sexuell missbrauchen, zum kollektiven Selbstmord anstacheln oder zum "Heiligen Krieg gegen Ungläubige" aufrufen, gehören natürlich ins Gefängnis, denn Religionsfreiheit kann keine kriminellen Handlungen rechtfertigen.

Doch von Kreuzzügen und Hexenverbrennungen hat die katholische Kirche in den letzten Jahrzehnten zum Glück Abstand genommen. Sicher, das päpstliche Verbot von Verhütungsmitteln könnte man in unserer total überbevölkerten Welt als schädlich ansehen - doch welcher Katholik hält sich tatsächlich daran? Auch beim Aufräumen nach katholischen Kirchentagen findet man haufenweise gebrauchte Kondome, und die waren sicher nicht alle von professionellen Strichjungs, für die der Papst das strenge Kondomverbot kürzlich gelockert hat.

Für den als "Staatsbesuch" deklarierten Event eines Religionsführers Steuergelder auszugeben, finde ich allerdings nicht in Ordnung. Die klare Trennung von Religion und Staat ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung. Sie wird in Deutschland leider ziemlich inkonsequent gehandhabt. Die Subventionierung religiöser Einrichtungen durch den Staat und das Eintreiben von Kirchensteuern durch die Finanzämter stehen im klaren Widerspruch zum Prinzip des Laizismus. Langfristig nützt sie auch den Subventionierten nicht, im Gegenteil.

Auffällig ist, dass in einem Land wie den USA, in dem die Trennung von Religion und Staat sehr ernst genommen wird, und in der die Religionsgemeinschaften sich selbst finanzieren müssen, diese in der Regel sehr viel lebendiger sind als in Deutschland. Das ist kein Wunder: wenn jemand vom Staat durchgefüttert wird, verkümmern nun einmal Eigeninitiative und Tatkraft, das ist bei einer Kirche nicht anders als bei einem Hartz-4-Empfänger.

Ich hätte daher an Herrn Ratzingers Stelle die Einladung des Bundespräsidenten und des Deutschen Bundestags ausgeschlagen. Religion ist Privatsache. Eine zu große Nähe zum Staat und seinen Repräsentanten bekommt einer Religionsgemeinschaft nicht gut. Die katholische Kirche hat genug Geld, um das Olympiastadion zu mieten, dafür braucht sie den deutschen Steuerzahler nicht. Der muss ja schließlich schon für ganz Europa bezahlen.


P.S. Ein sehr schönes Zitat des Heiligen Augustinus in der Rede des Papstes vor dem Bundestag: "Nimm das Recht weg, was ist dann der Staat anderes als eine große Räuberbande?" Wie wahr! Und wie seltsam, dass die Damen und Herren Räuber an dieser Stelle nicht empört und beleidigt reagierten!