Sonntag, 24. Juli 2011

Über Gewalt und religiösen Fanatismus

Die schrecklichen Anschläge in Norwegen waren nicht wie zunächst vermutet - und durch ein "Bekennerschreiben" einer Gruppe namens Ansar al-Islam scheinbar bestätigt - das Werk islamistischer Terroristen, sondern wurden von einem offensichtlich geistesgestörten Einzeltäter verübt, der sich in Internetforen als "konservativer Christ" und "Multi-Kulti-Hasser" geoutet hat. Auch "Blonde und Blauäugige" (Spiegel Online in einem Anflug von Rassismus) sind also in der Lage, bestialische Untaten zu vollbringen - hat daran irgend jemand gezweifelt? Wie groß wäre wohl der Aufschrei bei der Schlagzeile "Schwarzhaarig, braunäugig, skrupellos" gewesen?

Statt in Stille der unschuldigen Opfer zu gedenken, werfen einige Medien bereits alle Kritiker der Islamisierung und "Multi-Kulti-Gesellschaft" in einen Topf mit dem Täter, der sich in einem wirren Manifest selbst als "Tempelritter" bezeichnet. In zahlreichen Meldungen wird ein Rechtsextremismus-Forscher namens Hajo Funke zitiert, der sagt: "Jede Form von Rechtspopulismus senkt die Hemmschwelle für solche vermutlichen Einzeltäter".

Mit dem Label "Rechtspopulismus" werden bekanntlich vom Liberalen Geert Wilders über den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin bis zur Feministin Alice Schwarzer alle verunglimpft, die es wagen, ein kritisches Wort über eine gewaltverherrlichende Weltbeherrschungsideologie aus dem 7. Jahrhundert zu äußern. Diese Kritiker sind jetzt also alle mitschuldig am Tod von norwegischen Kindern und Jugendlichen? Wie dumm muss man sein, um einen solchen Unsinn zu behaupten und zu verbreiten?

Wenn man überhaupt irgendeine politische Schlussfolgerung aus der Wahnsinnstat eines Einzelnen ziehen kann, dann doch wohl die, dass jede Art von religiösem Fanatismus die Hemmschwelle für Gewalt senkt. Wer glaubt, im Auftrag einer "höheren Bestimmung" zu handeln, kann die natürlichen menschlichen Hemmungen beim Begehen von Grausamkeiten offensichtlich leichter überwinden. 

Dies ist nicht nur bei dem norwegischen "Tempelritter" und islamistischen Selbstmordattentätern zu beobachten. Es gibt auch jüdische Extremisten wie den Mörder von Jitchak Rabin oder den Moschee-Killer Baruch Goldstein. Das Christentum ist in letzter Zeit seltener durch Terroranschläge aufgefallen, aber seine düstere Geschichte von Kreuzzügen, Ketzer- und Hexenverbrennungen kann offensichtlich immer noch inspirierend wirken.

Religion ist nicht nur "Opium fürs Volk", sondern auch Kokain und Speed. Im Namen der Religion wurden im Lauf der Jahrhunderte mehr Menschen getötet als von den Bestien Hitler, Stalin und Mao (wobei auch diese ihre Irrlehren mit quasi religiöser Inbrunst verkündeten).

Ich habe nichts gegen Religion, wenn sie als individueller spiritueller Weg verstanden wird. Jeder Mensch beschäftigt sich wohl mit den religiösen Grundfragen: Was war vor der Geburt? Was kommt nach dem Tod? Wie sollen wir unser Leben gestalten? Hierauf gibt es viele unterschiedliche Antworten. Wer gerne nach den Regeln Allahs, Krishnas, Jahwes oder des fliegenden Spaghettimonsters leben möchte, soll dies von mir aus tun, solange er damit niemandem Schaden zufügt.

Sobald sich jedoch eine Religion anmaßt, eine verbindliche Gesellschaftsordnung für alle Menschen zu definieren, wird sie gefährlich. Die Wahnsinnstat des Mörders von Oslo und Utøya sollte also eine Warnung sein, noch wachsamer als bisher gegen jede Art von extremistischen, religiösen Fanatismus zu sein - ob er islamisch, christlich, jüdisch oder wie auch immer geprägt ist.

Die beste Gesellschaft ist eine humanistische, liberale, in der Religion als Privatsache gesehen wird und in der niemand eine "höhere Macht" missbrauchen kann, um Gewalt und Grausamkeiten zu rechtfertigen.