Mittwoch, 15. Juni 2011

Die Bitcoin-Rallye geht weiter

Chart: Bitcoin Market
Gestern war ich auf einer Sonderveranstaltung der Freiheitsfreunde zum Thema Bitcoin. Durch das große Medieninteresse der letzten Wochen war auch bei den Mitgliedern dieser bundesweiten, radikalliberalen Treffen das Bedürfnis gewachsen, mehr über die neue digitale Währung zu erfahren. So hatte FF-Berlin-Koordinator Max Wessenberg den Kryptographie-Experten Jonathan Logan eingeladen, um die rund 40 Teilnehmer in die Welt der Cryptocurrency einzuführen.

Anschaulich widerlegte Jonathan einige der üblichen Fehlurteile über Bitcoin, die von schlampig recherchierenden Journalisten oft kritiklos weiterverbreitet werden. Insbesondere die Behauptung, Bitcoin mache anonyme Zahlungen möglich, ist Unsinn. Das Bitcoin-Prinzip baut im Gegenteil gerade darauf, dass alle Transaktionen im gesamten Netzwerk gespeichert werden. Auch wenn der öffentlich sichtbare Bitcoin-Schlüssel nicht den Namen des Nutzers enthält, sondern aus einer schwer lesbaren Ziffern- und Buchstabenkombination besteht, ist es durch statistische Analyseverfahren relativ leicht herauszubekommen, wer damit welche Transaktionen durchführt. Bitcoins zur Bezahlung illegaler Dinge einzusetzen, wäre daher "ziemlich dämlich", schreibt Jeff Garzik, Mitglied des Bitcoin-Entwicklerteams.

Die Initiative der US-Senatoren Charles Schumer und Joe Manchin, Bitcoins zu verbieten, weil man damit auf Websites wie Silk Road Drogen kaufen könne, hat zwar unter US-Teenagern die Popularität Bitcoins schlagartig erhöht, juristisch ergibt sie jedoch keinen Sinn. Illegale Drogen kann man mit Bargeld sehr viel anonymer und risikofreier kaufen als mit den übers Netz nachverfolgbaren Bitcoins. Auch die Unterstützung von Terrorgruppen oder der Ankauf eines Auftragskillers funktioniert mit Koffern voller Dollarscheine hervorragend - würde man deshalb das Bargeld verbieten?

Jonathan wies aber auch auf die Schwächen hin, die Bitcoin ohne Zweifel noch hat. So sind die aberwitzigen Kurssprünge der letzten Wochen - von rund acht Dollar Anfang Juni auf fast 30 Dollar am 8. Juni und wieder runter auf 19 Dollar - darauf zurückzuführen, dass die Handelsvolumina für Bitcoins noch relativ klein sind. Schon einige wenige größere Transaktionen auf der führenden Handelsplattform Mt. Gox können starke Kursausschläge nach oben wie nach unten bewirken. Sobald jedoch mehr Anbieter und Nachfrager auf dem Markt sind und es weitere relevante Umtauschplattformen gibt (zur Zeit laufen über 90% aller Bitcoin-Währungsgeschäfte über Mt. Gox), wird diese starke Volatilität auf natürliche Weise zurückgehen.

Es zeugt jedoch nicht gerade von ökonomischem Sachverstand, wenn einige Medien dies als "Inflation" von Bitcoin bezeichnen. Inflation ist die künstliche Aufblähung der Geldmenge, so wie sie von staatlichen Zentralbanken betrieben wird. In Bitcoin ist Inflation jedoch durch die im System einprogammierte Knappheit technisch unmöglich. Die Menge von Bitcoins kann jeden Monat nur um rund 200 000 zunehmen. Wenn mehr Rechenleistung eingesetzt wird, steigt diese von der Bitcoin-Software vorgegebene Menge nicht etwa an, sondern es wird schwieriger, neue Bitcoins zu erzeugen.

Der Economist weist in seiner neuesten Ausgabe darauf hin, dass die Bitcoin-Gründer damit eine alte Idee von Milton Friedman in die Tat umgesetzt haben. Der Nobelpreisträger und Reagan-Berater hatte vorgeschlagen, die Zentralbanken abzuschaffen und Geld durch einen automatisierten, vorhersehbaren Prozess zu erzeugen. Das Bitcoin-Konzept liegt insofern näher bei den Monetaristen der Chicagoer Schule als bei den unter Freiheitsfreunden beliebten "Austrian Economists" wie Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek, die eine durch Edelmetalle oder Sachwerte gedeckte Währung bevorzugen. Vielleicht wäre eine Kombination des Bitcoin-Prinzips mit einer Deckung durch Gold oder Silber die beste Lösung?

Jonathan wies darauf hin, dass jede Software Schwachpunkte hat und jeder kryptografische Algoritmus irgendwann zu knacken ist. Darin liegt eine Schwäche des Systems, denn man müsste für ein Sicherheitsupdate sämtliche Bitcoin-Clients aktualisieren - das ist zwar machbar, aber mühselig. Um auf Millionen von Rechnern neue Software aufzuspielen, wäre ein kompletter, eventuell mehrtägiger Systemstopp nötig. Während dieser Zeit könnten keine Transaktionen stattfinden, was in einem weltweiten Wirtschaftssystem schwer vorstellbar ist.

An der Behebung dieser und weiterer Schwächen, die auch der Gründer der schwedischen Piratenpartei Rick Falkvinge in einer mehrteiligen Artikelserie dargelegt hat, wird in der Bitcoin-Community jedoch zur Zeit emsig gearbeitet. Man kann also davon ausgehen, dass einige der Kinderkrankheiten Bitcoins bald der Vergangenheit angehören werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Bitcoin zur einzigen Weltwährung wird und alle staatlichen Inflationswährungen ersetzt, hält Jonathan dennoch für äußerst gering - ebenso wie die eines staatlichen Verbots. Hoffen wir, dass er da Recht behält, denn die Dummheit der Durchschnittspolitiker ist kaum zu unterschätzen. Für realistisch hält er es hingegen, dass Bitcoin eine Nische - z.B. den Markt für Internet-affine Produkte und Dienstleistungen - dauerhaft besetzt und sich dort etabliert.

Den eigentlichen Nutzen von Bitcoin sieht Jonathan Logan darin, dass sich junge Internet-Idealisten über ihre Euphorie für Bitcoins, die die Coolness von Open-Source-Software und Peer-to-Peer-Netzen umweht, zum ersten Mal mit dem Geldsystem beschäftigen und dabei erkennen: man braucht keinen Staat und keine Zentralbank, um eine funktionierende Währung zu schaffen.

Man muss kein "Austrian Economist" und kein Milton-Friedman-Fan sein, um zu spüren: hier passiert gerade etwas Großartiges, dass die Welt vielleicht so stark verändert wie das Internet. Bitcoin könnte eine Art "Trojanisches Pferd" sein, das die Idee eines freien Bankwesens Menschen näherbringt, die noch wie etwas von Hayek und der Entnationalisierung des Geldes gehört haben.

Die kleine Spende für den Vortrag, die man natürlich auch per Bitcoin hätte überweisen können, habe ich dennoch ganz altmodisch in Form von Euromünzen in eine Blechdose geworfen. Das klimpert so schön...

P.S. Hier ein gutes Interview mit Jerry Brito auf Reason.tv:



Und hier ein sehr cooler Vortrag von Bitcoin-Chefentwickler Gavin Andresen: