Wilders hält es für unrealistisch, dass auf dem Gebiet der alten jüdischen Provinzen Judäa und Samaria sowie im Gazastreifen ein lebensfähiger Palästinenserstaat entstehen kann. Zudem wäre das an seiner schmalsten Stelle nur 15 Kilometer breite israelische Kernland kaum zu verteidigen.
Er plädiert dafür, Jordanien als natürliche Heimstätte der arabischen Bewohner des ehemaligen britischen Mandatsgebiets Palästina anzusehen, und allen 1948 aus Israel geflohenen Arabern dort die vollen Staatsbürgerrechte zuzugestehen. Er zitiert den verstorbenen jordanischen König Hussein, der noch 1981 sagte: "Jordan is Palestine and Palestine is Jordan".
Dieser Vorschlag steht offensichtlich im Widerspruch zum politischen Mainstream und wird zunächst Irritationen auslösen. Doch schauen wir uns die historischen Fakten und die politische Gegenwart einmal unvoreingenommen an.
Die Briten erhielten nach dem Ende des 1. Weltkrieg vom Völkerbund das Mandatsgebiet Palästina zugesprochen, das damals aus dem auseinanderfallenden Osmanischen Reich herausgelöst wurde. Es reichte vom Mittelmeer im Westen bis weit über den Jordan hinaus, grenzte an Syrien, den Irak und Saudi-Arabien. Den Juden wurde 1917 von der britischen Regierung in der Balfour-Deklaration eine "nationale Heimstatt in Palästina" versprochen - den Arabern allerdings auch.
Das Mandatsgebiet Palästina wurde 1922 von den Briten in zwei Verwaltungszonen aufgeteilt: in Cisjordanien und Transjordanien, "diesseits und jenseits des Jordans". Den Verwaltungbezirk Transjordanien, also die östliche Hälfte Palästinas, vertrauten die Briten dem Clan der Haschemiten unter König Abdullah an, obwohl dieser nicht aus Palästina stammte. Um das westliche Palästina, in dem damals schon mehrere hundertausend Juden siedelten, kümmerten sie sich selbst. Die Einwanderung von Juden nach Ostpalästina wurde untersagt.
Die Haschemiten kürzten den Namen ihres 1946 unabhängig gewordenen Staates 1950 in "Jordanien". Während "Palästina" seit römischer Zeit als Name für diese Region des Nahen Ostens verwendet wurde, gab es nie zuvor ein Land Jordanien, die Bezeichnung ist ein reiner Kunstbegriff.
Die Vereinten Nationen beschlossen 1947, Westpalästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat aufzuteilen. Die Juden stimmten dieser Kompromisslösung zu, obwohl der ihnen zugesprochene Staat sehr klein war, nicht besonders lebensfähig erschien und nicht einmal die den Juden so wichtige Stadt Jerusalem enthielt, die nach dem UN-Plan unter "internationaler Kontrolle" stehen sollte.
Die Araber lehnten den UN-Teilungsplan jedoch ab. Nach dem Abzug der Briten im Mai 1948 überfielen fünf arabische Armeen den neuen Staat Israel, der wie durch ein Wunder diesen Unabhängigkeitskrieg gewann. Das ostpalästinenische Königreich Transjordanien besetzte im Krieg von 1948 Judäa und Samaria sowie die Osthälfte Jerusalems. Erst nach seinem Sieg im Sechs-Tage-Krieg von 1967 konnte Israel seine ganze Haupstadt Jerusalem inklusive der heiligen Stellen wieder für sich erobern, Judäa und Samaria wurden unter israelische Verwaltung gestellt.
Während ein Teil der israelischen Politiker dafür ist, in Judäa und Samaria einen palästinensischen Staat zu errichten, hält Wilders dies für unrealistisch. Er ist der Meinung, dass es in diesem Konflikt nicht wirklich um Land geht, sondern ums Prinzip. Fundamentalistische Islamisten wollen nicht "einen Zentimeter der heiligen islamischen Erde Palästinas" (so die Charta der Hamas) an die Juden abtreten.
Man sieht: ein Kompromiss ist in diesem Fall kaum möglich. Die Formel "Land for Peace", die von der israelischen Linken lange Zeit propagiert wurde, funktioniert leider nicht - das ist spätestens seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen klar, nachdem sich Israel wie von der Linken gefordert zurückgezogen hatte.
Würde Israel seine Armee auch aus Judäa und Samaria abziehen und dort einen palästinensischen Staat zulassen, wäre die Gefahr sehr groß, dass islamistische Extremisten die Macht übernehmen. Ein islamistisches Terrorregime, wie es die Hamas in Gaza errichtet hat, ist aber nicht nur für Israel eine große Gefahr, auch die arabische Bevölkerung leidet darunter - im Gazastreifen sehnen sich vermutlich viele Araber heimlich nach den Zeiten der israelischen Herrschaft zurück.
Wilders's Vorschlag, so radikal er klingen mag, scheint mir daher deutlich realistischer zu sein als die zur Zeit im Trend liegende "Zwei-Staaten-Lösung". Die Araber in Judäa und Samaria könnten sich demnach entscheiden: wollen sie auf israelischer Seite leben und die gleichen Staatsbürgerrechte genießen wie die rund eine Million arabischen Staatsbürger Israels? Oder bevorzugen sie es, in einem eigenen Staat zu leben, der auf der anderen Seite des Jordans liegt?
Wilders erwähnt die rund eine Million jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern, die nach 1948 in Israel eine neue Heimat fanden. Verglichen damit scheint eine Umsiedlung derjenigen Araber, die unbedingt einen eigenen Staat haben und nicht in einem jüdisch dominierten Land leben wollen, durchaus zumutbar. Die einzigen, die Zugeständnisse machen müssten, wären die von den Briten eingesetzten Haschemiten, die bisher in Jordanien die Macht hatten und die Palästinenser als Bürger zweiter Klasse behandelten, obwohl sie in den beiden größten Städten Jordaniens, Amman und Zarqa, laut Wikipedia rund 90-99% der Bevölkerung stellen.
Man sollte daher ernsthaft über Geert Wilders' Vorschlag nachdenken, denn ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten und eine sichere Existenz Israels liegen im Interesse der ganzen Welt. Der derzeitige Status Quo wird diesen Frieden nicht bringen. Die vielen Millionen Euros und Dollars, die bisher in der korrupen "palästinensischen Autonomiebehörde" versickern, könnte man sinnvoller für Übersiedlungsprämien und Aufbauhilfen für umzugswillige Araber ausgeben, um östlich des Jordans einen palästinensischen Staat aufzubauen, der mit Israel in Frieden lebt.

