Daniel Pipes widerspricht bekannten Islamkritikern wie Geert Wilders und Ayaan Hirsi Ali - die er prinzipiell schätzt und unterstützt - in einem entscheidenden Punkt. Er glaubt nämlich sehr wohl an das Potenzial der Muslime, den Islam von innen heraus zu reformieren und die totalitäre Ideologie des Islamismus abzustreifen.
Er beschreibt im Interview die Entwicklung des modernen Islamismus durch den Gründer der Muslimbruderschaft Hassan el-Banna in den zwanziger Jahren, in denen totalitäre Bewegungen wie der italienische Faschismus, der deutsche Nationalsozialismus und der Kommunismus sowjetischer Prägung auf dem Vormarsch waren und auch die Muslimbrüder stark beeinflussten.
Seit den siebziger Jahren sind islamistische Bewegungen in fast allen islamischen Ländern sehr erfolgreich. Dabei sind Islamisten nicht gleichzusetzen mit Terroristen. Daniel Pipes sieht in islamistischen Politikern wie dem türkischen Premierminister Tayyip Erdogan, der das demokratische System der Türkei ausnutzt und gezielt mit Islamisten unterwandert, eine sehr viel größere Gefahr als in Selbstmordattentätern. Die über Wikileaks bekannt gewordenen Einschätzungen von US-Diplomaten in der Botschaft von Ankara bestätigen diesen Eindruck.
Wie soll man der wachsenden Gefahr der islamistischen Bewegung, die die Freiheit auch in Europa bedroht, begegnen? Als sehr wichtigen Schlüssel sieht Pipes die enge Zusammenarbeit der liberalen Demokraten in Europa mit moderaten Muslimen, die den Islam reformieren wollen.
Hierin stimme ich ihm absolut zu. 1,5 Milliarden Muslime werden sich nicht über Nacht in Westler verwandeln. Für diese Menschen ist der Islam ihre spirituelle und kulturelle Heimat, das ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen.
Viele von ihnen leben bei uns und sind gut integriert, in der Regel diejenigen, die ein entspanntes Verhältnis zur Religion haben und den Koran nicht allzu wörtlich nehmen. Kritisch wird es erst, wenn der Islam als allgemein verbindliches, der westlichen Demokratie überlegenes Gesellschaftssystem angesehen wird, in dem alle Gesetze aus dem Koran und den Hadithen abgeleitet werden.
Zur Zeit scheint die islamistische Idee attraktiv für viele Menschen zu sein, so wie in den zwanziger und dreißiger Jahren der Faschismus als "siegreiche Bewegung der Zukunft" erschien. Die freie Gesellschaft und die Demokratie werden heute von Islamisten wie damals von Faschisten als dekadent und schwach beschrieben.
Doch ich bin überzeugt davon, dass letztendlich alle Menschen lieber in einer freien Gesellschaft leben möchten als unter einem totalitären Regime. Auch im islamischen Kulturkreis gibt es Demokraten, Reformer, Modernisierer, ja sogar Feministen. Noch sind es zaghafte Stimmen, die oft von den Herrschern und den Islamisten mit Gewalt unterdrückt werden. Sie brauchen unsere Unterstützung!
Es wird jedoch nicht funktionieren, unsere westlichen Denkweisen und politischen Systeme 1:1 auf die muslimische Welt zu übertragen, darauf weist Islamkenner Pipes sehr deutlich hin. Die Muslime selbst sind gefordert, ein System zu schaffen, das ihrer Kultur entspricht, die spirituellen Aspekte des Islams erhält, aber seine unzeitgemäßen gesellschaftlichen Regeln und politischen Gesetze erneuert.
Ich denke: nur wenn es gelingt, den Islam von innen heraus zu modernisieren und zu liberalisieren, kann man die drohende Gefahr des islamistischen Totalitarismus erfolgreich abwehren. Vergessen wir nicht: ohne Gorbatschows Politik von Glasnost und Perestroika wären die friedliche Revolution und der Fall der Berliner Mauer niemals möglich gewesen. Es brauchte die Bürgerbewegung von unten genau so wie die innere Liberalisierung des "feindlichen Systems".
Analog können wir zwar unseren Teil im Kampf gegen den Vormarsch des Islamismus beitragen, in dem wir Hassprediger einsperren, fundamentalistische Moscheen schließen und den Missbrauch unserer Sozialsysteme stoppen. Doch um den Islamismus so zu besiegen wie wir Faschismus und Kommunismus besiegt haben, benötigen wir starke Mitstreiter in der muslimischen Welt, die die Freiheit ebenso schätzen wie wir, und die die muslimische Kultur vom Joch des Islamismus befreien.

