In jedem anderen Fall wäre meine Empfehlung: Sarrazin soll im Amt bleiben. Die Meinungsfreiheit ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zivilisation. Auch wer Sarrazins Thesen nicht zustimmt, sollte mit Voltaire sagen: "Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen". Ein Staat, der seine Bürger mit Berufsverbot belegt, wenn sie ihre Meinung äußern, kann sich wohl kaum mehr als aufgeklärte, liberale Demokratie bezeichnen.
Im Fall Sarrazin gibt es jedoch für Christian Wulff eine elegante Weise, sich aus der Affäre zu ziehen. Die Entlassung Thilo Sarrazins als Vorstand der Bundesbank ist nämlich durchaus ein Schritt in die richtige Richtung - vorausgesetzt, auch der Vorstandsvorsitzende Axel Weber und alle weiteren Mitarbeiter der Bundesbank würden entlassen. Mit Jean-Claude Trichet und der Europäischen Zentralbank sollte das Gleiche geschehen, denn Zentralbanken sind nicht nur überflüssige, sondern sogar äußerst gefährliche Institutionen.
Die tiefere Ursache der aktuellen und überhaupt aller Finanzkrisen ist nämlich nicht die Gier der Banker oder gar "Marktversagen", wie oft fälschlich behauptet wird, sondern das staatliche Geldmonopol. Ausgerechnet das Geld, also das wohl wichtigste Element der Marktwirtschaft, wird zentralistisch-planwirtschaftlich erzeugt und gesteuert - mit all den Nachteilen, die man von planwirtschaftlichen Verfahren kennt.
Die Zentralbank hat das Recht, aus dem Nichts heraus Geld zu schöpfen, das vom Staat als "gesetzliches Zahlungsmittel" definiert ist. Niemand käme auf die Idee, für bedruckte Papierzettel seine Waren und Dienstleistungen herzugeben, wenn es nicht die einzige vom Staat erlaubte Möglichkeit wäre. Er allein "garantiert" die Stabilität des Geldes.
Wieviel diese Garantie wert ist, konnte man in der Hyperinflation der 20er Jahre sehen. Während die Reparationszahlungen des Deutschen Reiches an die Alliierten in Gold zu leisten waren, konnte sich die deutsche Regierung aller Schulden an ihre eigene Bevölkerung, die durch Kriegsanleihen zustande gekommen waren, durch die Inflation entledigen.
Doch auch ohne Hyperinflation verliert staatliches Papiergeld permanent an Wert - das liegt in seiner Natur. 100 Deutsche Mark von 1948 hatten 2009 nur noch eine Kaufkraft von rund 22 DM oder 11 Euro. Andere europäische Währungen wie Lire und Franc verloren noch sehr viel mehr an Wert. Der gute Ruf der Bundesbank zu DM-Zeiten resultierte vor allem daraus, dass sie etwas weniger Inflation als andere Zentralbanken zuließ.
Zentralbanken sind für die Regierung vorteilhaft, da sie Geld drucken können, das Politiker dann zum Beispiel zur Finanzierung von Kriegen verwenden. Es ist kein Zufall, dass die Golddeckung aller Währungen, die im 19. Jahrhundert gut funktionierte, zu Beginn des ersten Weltkrieges überall aufgehoben wurde. Weil der Vietnamkrieg zu teuer wurde, beendete US-Präsident Nixon im August 1971 auch die Golddeckung des Dollars. An diesen waren durch das Bretton-Woods-Abkommen alle anderen Währungen gekoppelt. Seit 1971 haben wir es also mit einem völlig ungedeckten Papiergeldsystem zu tun.
Das Problem dabei: es funktioniert wie ein "Pilotenspiel", bei dem diejenigen, die oben in der Spielhierachie sitzen, nur gewinnen, solange sie genug Dumme zum Mitspielen finden - die am Ende alles verlieren. Gewinnen tut in einem zentralistischen Geldsystem immer - wie beim Roulette - die Bank. Besser gesagt: die staatliche Zentralbank und die Geschäftsbanken, die vom staatlichen Geldmonopol profitieren.
Diese können durch das Teildeckungssystem, das eine Mindestreserve von nur 2% festlegt, aus einem Euro, den sie von der Zentralbank erhalten, 50 Euro an Krediten vergeben. Diese Kredite kann die Bank aus dem Nichts erzeugen, doch die Kreditnehmer müssen echte Werte als Sicherheiten hinterlegen und für ihre Tilgung hart arbeiten!
So ein auf Schulden basierendes System führt unweigerlich zu Finanzblasen und Inflationen. Inflation stellt jedoch immer eine Umverteilung von unten nach oben dar: wer viel Geld hat, kann durch Spekulation einigermaßen den Wert erhalten. Normale Bürger, die über keine großen Vermögen verfügen, werden durch Inflation schleichend enteignet.
Zentralbanksystem und Geldmonopol sind jedoch keineswegs naturgegeben. Geld war ursprünglich eine Ware wie jede andere, deren Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt wurde. Gold und Silber setzten sich in einem natürlichen Prozess als allgemein akzeptierte Zahlungsmittel durch, ohne dass dies vom Staat festgelegt werden musste. Knappe, nicht verfallende und gut zu lagernde Güter wie Gold und Silber eignen sich einfach besonders gut als allgemeine Tauschmittel - besser jedenfalls als "Ami-Zigaretten", die zwischen 1945 und 1948 als inoffizielle Währung der Deutschen dienten.
Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Barclays Bank, und Michael von Prollius, Betreiber des liberalen Forums für Ordnungspolitik, schlagen in ihrem sehr empfehlenswerten Buch "Geldreform - vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld" ein freies Bankwesen ohne staatliches Monopol vor, in dem Geld nicht mehr durch Kredit geschaffen wird, sondern zu hundert Prozent durch echte Werte gedeckt sein muss. Vermutlich würden sich dann Gold, Silber, Platin oder andere Sachwerte wieder als Geldstandard durchsetzen, ohne dass dies - wie in der Zeit des Goldstandards im 19. Jahrhundert - von Zentralbanken definiert werden müsste.
Ein solches System würde die Macht der Banken mehr beschränken als jede staatliche Bankenaufsicht. Politiker könnten ihre Wahlversprechen nicht mehr durch hemmungslose Verschuldung und Geldentwertung finanzieren. Die Regierung müsste mit dem Geld auskommen, das ihr die Bürger zur Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgaben zur Verfügung stellen. Spekulationsblasen, Finanzkrisen und Hyperinflationen wären nicht mehr möglich.
Also, Herr Wulff: gehen Sie mutig voran! Schaffen Sie Herrn Sarrazins Vorstandsposten und die Bundesbank ab - und sich und ihr überflüssiges Amt am besten gleich mit!

