Mittwoch, 16. Juni 2010

"Linke Ideale" bei den Libertären

Am Wochenende war ich auf der Großen Freiheit, dem ersten Jahrestreffen der libertären Organisationen im deutschsprachigen Raum. Diese kleine, aber feine Veranstaltung auf dem Hamburger Kiez brachte liberale, libertäre und anarchistische Denker unterschiedlichster Couleur zusammen.

Der erste Konferenztag im obersten Stockwerk eines Hotels mit einem fantastischen Blick auf den Hamburger Hafen begann mit einem Vortrag des Philosophieprofessors Rolf Puster über die Attraktivität der libertären Botschaft. Sehr gut gefiel mir, dass er keinen Widerspruch zwischen "linken" Idealen wie einer gerechten Gesellschaft und dem libertären Prinzip sieht. Lediglich die bisher von der Linken zu ihrer Umsetzung benutzte Staatsintervention lehnt er entschieden ab. Libertäre bevorzugen Freiwilligkeit und Selbstorganisation, um eine bessere Gesellschaft zu erreichen. Die von einigen Teilen der libertären Bewegung angestrebte Allianz mit konservativen Kräften sieht Rolf Puster hingegen kritisch, da auch Konservative in der Regel starke Interventionen von "Vater Staat" befürworten.

Ein weiteres Highlight war der Vortrag des ehemaligen Leiters des liberalen Instituts der Schweiz, Robert Nef, der für einen geordneten Rückzug des Staates aus den sozialen Sicherungssystemen plädiert und auf echte Solidarität zwischen den Menschen ohne staatlich-bürokratischen Zwang setzt. Der Nachmittag mündete in einer ebenso lustigen wie furchterregenden Analyse der Krise des Schuldenstaates durch die Publizistin Eva Ziessler, die belegte, warum der Leibeigene des Mittelalters sogar noch freier war als der Schuldenknecht und Steuerzahler des 21. Jahrhunderts.

Auf einer rund zweistündigen Messe stellten sich diverse libertäre Organisationen, Verlage und Autoren an kleinen Ständen vor, auch das sehr lesenswerte Buch "Geldreform - vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld" von Thorsten Polleit und Michael von Prollius feierte dort seine Premiere.

Am zweiten Konferenztag ging es dann im Copperhouse beim asiatischem Brunchbuffet mit Sushi weiter. Spannend war eine Präsentation des umstrittenen "Zentralorgans" der libertären Bewegung eigentümlich frei, das ob seiner teilweise sehr konservativen Ansichten nicht nur Fans unter Freiheitsfreunden hat. Etwas enttäuscht war ich vom FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler, der zwar gegen Griechendland-Bailout und Euro-Paket gestimmt hat, sich aber nicht traut, die FDP zu verlassen, obwohl sie sämtliche Fehler der Bundesregierung in der Griechenland- und Eurokrise mitträgt.

Auffällig unter all den korrekt gekleideten Damen und Herren war der Kryptographie-Experte Jonathan Logan, den man von Haartracht und T-Shirt-Motiv eher auf einem Treffen der Piratenpartei erwarten würde. Er hielt einen sehr inspirierenden Vortrag über Datenschutz, Sicherheit und anonymes Kommunizieren im Internet. Eine launige Rede des Gründers der Partei der Vernunft, Oliver Janich, über die Medienpropaganda rund um den Klimawandel und den 11. September, rundete den Tag ab, dann musste ich schnell zum Fussballgucken.

Insgesamt eine sehr gelungene Veranstaltung! Manche Libertäre wirken mir zwar ein wenig kopflastig und  mit sich selbst beschäftigt - aber das kann sich ja noch entwickeln!