Dienstag, 13. April 2010

Was sind "europäische Werte"?

Durch Zufall wurde ich kürzlich auf eine Studie aus Österreich aufmerksam, bei der es um eine historisch fundierte Definition der so genannten "europäischen Werte" geht. Darunter verstehen die Autoren vom Verein Europäische Werte.info Folgendes:

1. Humanistisches Denken:
Der Mensch (nicht Gott) steht im Mittelpunkt des Denkens

2. Rationalität: 
Die Vernunft als letztendliche Entscheidungsquelle

3. Säkularität: 
Klare Trennung zwischen religiöser und politischer Sphäre

4. Rechtsstaatlichkeit:
Gerechte Gesetze, die für alle Bürger gleichermaßen gelten

5. Demokratie: 
Herrschaft durch das Volk

6. Menschenrechte:
Grundlegende Rechte, die alle Menschen von Geburt an besitzen (und nicht etwa vom Staat gewährt bekommen)


Diese Dinge erscheinen uns heute selbstverständlich, doch die Autoren arbeiten gut heraus, dass dem keineswegs so ist. Anhand der europäischen Geschichte seit der Antike zeigen sie in ihrer 45-seitigen Studie auf, wie diese Werte allmählich entstanden, wie sie wieder verschwanden, nachdem das Christentum zur Staatsreligion im römischen Reich wurde, und wie sie über die Jahrhunderte gegen autoritäre Herrscher "von Gottes Gnaden" und die christliche Kirche zurückerobert werden mussten.

Ich finde den Begriff "europäische Werte" allerdings ein wenig unglücklich gewählt, da diese Werte meiner Meinung nach für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen gelten. Auch wenn sie ursprünglich in Europa entstanden sind, könnte diese Formulierung missverstanden, ja sogar missbraucht werden. Es gibt schließlich so manchen asiatischen Despoten, der behauptet, Freiheit und Demokratie seien nur etwas für Westler, Asiaten hätten völlig andere Werte.

Daher bevorzuge ich einen neutraleren Begriff wie "Werte der Aufklärung", der impliziert, dass jeder Mensch auf der ganzen Welt die Chance hat, in einer freien, aufgeklärten Gesellschaft zu leben.

Selbst eine in seiner heute dominierenden Erscheinungsform freiheitsfeindliche und totalitäre Religion wie der Islam hat meiner Meinung nach durchaus das Potenzial für eine Aufklärung, manche vielversprechende Ansätze gibt es ja. Das ist zwar angesichts des real existierenden Islamismus noch schwer vorstellbar - doch wer hätte sich während der Inquisiton ausmalen können, was für liebenswerte, zivilisierte Menschen Christen heute (mit einigen Ausnahmen) sein können?

Was mir an der österreichischen Studie gut gefällt, ist die klare Abgrenzung von Rechtskonservativen, die mit platten Sprüchen wie "Abendland in Christenhand" hausieren gehen. Die Studie zeigt sehr gut, dass der Niedergang des Abendlandes mit der Übernahme des Christentums als Staatsreligion begann, und erst die Beendigung der religiösen Diktatur die Freiheiten ermöglicht hat, die nicht nur "Eingeborene", sondern auch viele Einwanderer aus dem islamischen Kulturkreis sehr zu schätzen wissen.

Insofern ist die Studie ein gute Argumentationsbasis gegen rechtskonservative Islamkritiker, die versuchen, die gute "christlich-jüdische" Kultur gegen den "bösen Islam" auszuspielen. Tatsächlich sind alle gotteszentrierten Religionen mit dem Anspruch, die einzige, absolute Wahrheit zu besitzen, gefährlich. Erst ihre Verbannung in die Privatsphäre macht Freiheit und Demokratie möglich. Also: nicht "Abendland in Christenland" sondern "Aufklärung für die ganze Welt".