Am 27. Januar 1945 befreite die rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Dieser Tag wurde daher in Deutschland und anderen Ländern zum Holocaust-Gedenktag erklärt. Wie es der Zufall will, ist es für mich der erste Tag eines kurzen Israel-Urlaubes. Aus beruflichen Gründen war ich in letzter Zeit öfter in Israel, zunächst wegen eines Projekts über israelische Popmusik für die Bundeszentrale für politische Bildung, dann wegen einer Bitfilm-Veranstaltung mit dem Goethe-Institut Tel Aviv. Nach wie vor besuche ich dieses faszinierende Land sehr gern und habe dort mitterweile gute Freunde.In Israel gedenkt man der Shoah, wie der Holocaust hier heißt, übrigens nicht am 27. Januar sondern im April/Mai (wegen des jüdischen Mondkalenders wandert dieser Tag). Alle Israelis stehen am Jom Hashoah zum Ton von Sirenen für eine Minute schweigend in Gedenken an die Toten der Shoah still. Selbst auf der Autobahn halten die Autos an und die Fahrer steigen aus – ein unter die Haut gehender Anblick.
Ich hatte bei meinem ersten Besuch in Israel eigentlich damit gerechnet, als nicht-jüdischer Deutscher auch auf unfreundliche Reaktionen zu stoßen. Es hätte mich nicht gewundert, nach allem, was Deutsche Juden angetan haben. Doch ich habe bisher nicht eine einzige negative Begegnung gehabt. Insbesondere bei jungen Leuten hat Deutschland einen sehr guten Ruf - fast jeder junge Israeli scheint schon mal in Deutschland gewesen zu sein oder möchte dorthin reisen.
Von der Terrorbedrohung spürt man, wenn man nicht gerade in Sderot nahe des Gazastreifens lebt, nichts mehr. Das muss zur Zeit der „Zweiten Intifada“ bis ca. 2003 anders gewesen sein, doch seit die israelische Armee eine neue Strategie zum Aufspüren von Attentätern eingeführt hat, ist die Zahl der Anschläge deutlich zurückgegangen. Auch die umstrittene Sperranlage zwischen dem israelischem Kerngebiet und der Westbank hat vermutlich ihren Teil dazu beigetragen. Kritisiert wird sie, auch von der israelischen Linken, weil sie nicht genau auf der Grenze von 1967 steht, sondern jüdische Siedlungen im Westjordanland mit einschließt.
Oft wird es in den Medien so dargestellt, als wäre die Grenze von 1967 die Grenze zwischen „Israel“ und „Palästina“, doch die Situation ist komplizierter. Die Mehrzahl der Araber definiert Palästina als das gesamte Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer und erkennt den Staat Israel nicht an. Die meisten Israelis würden die seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 besetzten Gebiete hingegen gern wieder loswerden. Nur eine kleine, leider sehr fanatische Minderheit sieht das gesamte Gebiet als „von Gott den Juden gegeben“. Das israelische Angebot zu Friedensverhandlungen und zum Rückzug aus den umstrittenen Gebieten lehnten die arabischen Staaten 1967 kategorisch ab.
Seitdem hat sich einiges getan: es ist zu Friedensverträgen Israels mit Ägypten und Jordanien und zum Oslo-Abkommen zwischen Israel und der PLO gekommen. Dennoch bekämpfen palästinensische Terrorguppen den Friedensprozess weiterhin mit allen Mitteln. Solange das Risiko von Attentaten auf die israelische Zivilbevölkerung besteht, wird die israelische Armee einen Abzug aus dem Westjordanland nicht riskieren. Das ist spätestens seit dem einseitigen Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen klar, der mittlerweile von der israelfeindlichen Hamas kontrolliert wird.
Obwohl jeder weiß, wie vertrackt die Situation ist, und unter welcher Bedrohung das kleine Land nach wie vor lebt, strahlen die Israelis eine bemerkenswerte Gelassenheit und Heiterkeit aus. Insbesondere Tel Aviv ist als Kreativ- und Partymetropole legendär. Die ausgeprägte Lebenslust der Israelis hat sicher auch etwas mit ihrer „Tanz-auf-dem-Vulkan“-Situation zu tun.
Ich kann nur jedem empfehlen, Israel einmal zu besuchen und sich selbst ein Bild zu machen. Die Flüge sind günstig und das Wetter meistens gut (was relativ ist – die Israelis würden sich mehr Regen wünschen).
Umso schmerzhafter finde ich es, dass das iranische Terrorregime unverdrossen an einer Atombombe baut, mit der es Israel zerstören kann. Irans Präsident, der Wahlfälscher und Holocaust-Leugner Ahmedinedschad, hat unmissverständlich ausgedrückt, dass er dieses Ziel verfolgt (ob er dabei den Ausdruck „von der Landkarte fegen“ oder „aus den Geschichtsbücher tilgen“ verwendet hat, ist eine Diskussion für Farsi-Übersetzer).
Wenn Deutschland es ernst meint, einen weiteren Holocaust am jüdischen Volk zu verhindern, sollte unsere Regierung meiner Ansicht nach sehr viel entschiedener handeln und den Druck auf das iranische Regime erhöhen. Noch immer ist Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner Irans. Die Vorstellung, deutsche Technik könnte für eine Atombombe gegen Israel genutzt werden, halte ich für so unerträglich, dass man dafür gern ein paar wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen kann.
Ich unterstütze daher die Kampagne STOP THE BOMB, die sich für einen Wirtschaftsboykott gegen das iranische Regime einsetzt. Kürzlich haben STOP-THE-BOMB-Aktivisten bei den Hauptversammlungen der Siemens und der Thyssen-Krupp AG gegen das skrupellose Verhalten deutscher Konzerne protestiert, die weiterhin mit dem Iran „Business as Usual“ betreiben. Ich kann jedem Deutschen, der über ein bisschen Geschichtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl verfügt, nur empfehlen, diese Kampagne zu unterstützen. Der Holocaust-Gedenktag 2010 wäre ein guter Anlass, sich gegen einen Holocaust 2.0 zu engagieren.
P.S. Die Jerusalem Post berichtet, dass Siemens nach den Protesten von Stop the Bomb beschlossen hat, keine neuen Geschäfte mehr mit dem Iran einzugehen. Weiter so!
P.P.S. Der Spiegel berichtet in seiner neuer Ausgabe von neuen Belegen, dass der Iran tatsächlich nah dran an ist, eine Atombombe einzusetzen.
