Montag, 11. Januar 2010
Statt Nacktscanner: an die Ursachen gehen
Gestern haben an verschiedenen deutschen Flughäfen nur mit Unterwäsche, Badehosen und Bikinis bekleidete Piraten gegen die geplante Einführung von so genannten „Nacktscannern“ protestiert. Unter dem Motto „Ihr braucht uns nicht zu scannen – wir sind schon nackt“ verteilten sie Flugblättern und diskutierten mit Fluggästen über die Nachteile dieser Geräte.
Hintergrund: nach dem gescheiterten Anschlag auf den Flug Amsterdam-Detroit durch den islamistischen Terroristen Umar Faruk Abdulmutallab, der mitsamt Sprengstoff locker durch die Sicherheitskontrolle kam, suchen Politiker mit ihrem bekannten Aktivismus nach neuen Pseudo-Sicherheitsmaßnahmen. So ist der zwischenzeitlich als unmoralischer Eingriff in die Privatshäre verpönte Nacktscanner plötzlich wieder salonfähig geworden.
Erfahrungsgemäß bringen diese Maßnahmen allerdings außer einer Belästigung der Fluggäste rein gar nichts. Seit dem vereitelten Anschlag in Großbritannien im Jahr 2006, bei dem Terroristen Flüssigsprengstoff in die Flugzeuge schmuggeln wollten, werden wir gezwungen, nur noch geringe Mengen Flüssigkeiten im Handgepäck zu transportieren und diese in wiederverschließbaren, durchsichtigen Plastiktüten zu transportieren. Tonnen von Mineralwasserflaschen, Cremetuben und Shampoos werden daher täglich an Flughäfen weggeschmissen.
Tatsächlich sind diese Maßnahmen komplett wirkungslos: es wird zwar kontrolliert, ob sich die Fluggäste an die Regeln halten, jedoch überhaupt nicht überprüft, ob es sich bei den Flüssigkeiten um Sprengstoff handelt - das weist Der Spiegel im Artikel „Die reine Show“ in Heft 1/2010 nach. Das Ganze ist eine Farce, mit der ein Gefühl der Sicherheit erzeugt werden soll, ohne dass die Sicherheit erhöht wird. Es ist abzusehen, dass die Nacktscanner eine ähnliche Placebowirkung haben werden.
Ein Blick nach Israel, wo Sicherheit schon seit Jahren aus verständlichen Gründen höchste Priorität hat, zeigt, dass es auch andere Methoden gibt, die sehr viel wirkungsvoller sind. Die Israelis, sonst Hightech-Fans, setzen weder auf Nacktscanner noch auf sonstigen Technik-Schnickschnack. Sie versuchen vor allem, durch gezielte Fragetechnik potenzielle Attentäter aufzuspüren. Dieses so genannte Profiling, bei dem darauf geachtet wird, ob Menschen bei Fragen nervös werden und sich in Widersprüche verstricken, ist auch keine besonders angenehme Prozedur, ich durfte sie einige Male über mich ergehen lassen.
Die Sicherheitskontrollen am Flughafen Ben Gurion dauern einige Stunden – um so absurder, wenn man danach in Deutschland seine Wasserflasche, mit der die Israelis kein Problem hatten, wegen der albernen EU-Regeln abgeben muss. Das israelische Verfahren ist zwar ebenfalls lästig, hat aber immerhin dazu geführt, dass es seit langer Zeit kein Attentäter mehr geschafft hat, an Bord eines von Israel startenden Flugzeuges zu kommen. Es setzt allerdings gut geschultes Personal voraus, ist also nicht billig.
Doch im Grunde sind all diese "Sicherheitsmaßnahmen" nur ein Herumdoktern an Symptomen. Sinnvoller wäre es, sich einmal genau die Ursachen anzusehen. Warum werden seit dem 11. September 2001 überall auf der Welt Bürgerrechte eingeschränkt? Warum gibt es Anti-Terrordateien, Lauschangriffe, Vorratsdatenspeicherung, Nacktscanner und all diese Dinge, gegen die nicht nur die Piratenpartei zu Recht protestiert?
Die tiefere Ursache für den islamistischen Terrorismus, gegen den all diese Maßnahmen gerichtet sind, liegt meiner Ansicht nach darin, dass in vielen Ländern durch das Bevölkerungswachstum der letzten Jahrzehnte ein großer Überhang an wirtschaftlich perspektivlosen jungen Männern entstanden ist. Sie sind mit ihrer aufgestauten Aggression leichte Beute für die Vorbeter einer islamistischen Ideologie, die genau die Stellen im Koran betont, in denen zum Dschihad, zum „Heiligen Krieg“ gegen Andersgläubige aufgerufen wird.
Die Schuld an allem Übel auf der Welt wird dem bösen, verdorbenen "Westen" gegeben - ein praktisches Feindbild, da es ja in der Tat einiges an der materialistischen westlichen Lebensweise zu kritisieren gibt. Den Kämpfern für die höhere, von Gott gewollte Ordnung wird nichts weniger als die Weltherrschaft versprochen, und denen, die auf dem Weg dorthin sterben, ein Paradies voll erotischer Genüsse.
Tatsächlich ist dies aber keineswegs die einzig mögliche Interpretation des Korans. Es gibt sehr wohl islamische Gelehrte, die die zahlreichen Stellen im Koran, die unbestreitbar zur Gewalt gegen Ungläubige aufrufen (z.B. Sure 2 Vers 191, Sure 4 Vers 89, Sure 8 Vers 12, Sure 8 Vers 39, Sure 9 Vers 5 und viele mehr) als historisch überholt und für die heutige Zeit nicht mehr relevant ansehen. Es gibt islamische Schulen, in denen die im Koran ausgedrückte Minderwertigkeit der Frau abgelehnt wird, und in denen Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Es gibt sogar islamischen Feminismus.
Doch leider werden diese liberalen, fortschrittlichen Stimmen viel zu wenig gehört. Oft werden sie sogar von dogmatischen, orthodoxen Muslimen unterdrückt und verfolgt. Viel sinnvoller und nachhaltiger als immer mehr Geld für "Anti-Terror-Kriege", Sicherheitskontrollen und Nacktscanner auszugeben, wäre es also, jene islamischen Institutionen gezielt zu unterstützen, die eine Version des Islam vertreten, die mit den Werten der Aufklärung und den Menschenrechten kompatibel ist.
Viele der meist nicht besonders hoch gebildeten jungen Männer, die sich für den Dschihad rekrutieren lassen, wissen gar nicht, dass es diese liberalen Sichtweisen überhaupt gibt. Selbst gebildete Menschen wie der gescheiterte Flugzeugbomber Abdulmutallab, der aus wohlhabenen Verhältnissen stammt und in London studiert hat, sind von den mit Petrodollars hochsubventionierten Aggro-Islamisten (z.B. die Wahabiten Saudi-Arabiens) offensichtlich leichter zu erreichen als von den viel zu leisen, unterfinanzierten liberalen Islamgelehrten. Eine Unterstützung der Letzteren kann auf lange Sicht dazu beitragen, dass es weniger gewaltbereite Fanatiker auf der Welt gibt.
Ein möglicher erster Schritt in diese Richtung: die Bundesregierung könnte auf den Test und die Einführung von Nacktscannern verzichten und für das gesparte Geld jedem in Deutschland lebenden jungen Muslim dieses Buch von Seyran Ateş schenken: „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution.“ ;-)
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