
Die Piratenpartei hat bei ihrer ersten Bundestagswahl aus dem Stand 2,0 % der Stimmen geholt und ist die mit Abstand stärkste der "kleinen" Parteien geworden. Bei männlichen Erstwählern lag das Ergebnis laut tagesschau.de bei 13%, bei den 18- bis 24-jährigen insgesamt bei 9%. Von rund 200 000 Stimmen bei der Europawahl haben wir uns mit ca. 850 000 Stimmen in nur drei Monaten mehr als vervierfacht. In Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg haben wir 6% der Stimmen bekommen.
Ein anständiges Ergebnis, darauf kann man aufbauen. Die Grünen hatten bei ihrer ersten Bundestagswahl 1980 nur 1,5%, bevor sie 1983 erstmals in den Bundestag einzogen. Das sehr sportliche Ziel von 5% haben wir nicht geschafft, trotzdem wurde bei der Piraten-Wahlparty im Astra Kulturhaus piratisch-fröhlich gefeiert.
Besonders erfreulich war, dass die Internet-Zensurparteien CDU und SPD vom Wähler abgestraft wurden. Die FDP muss jetzt in der Regierung beweisen, dass sie nicht nur behauptet, die Bürgerrechte zu schützen, sondern dies auch wirklich tut. Mit ihrem starken Wahlergebnis und den Piraten im Nacken werden die Liberalen hoffentlich weniger leicht einknicken, als man es von ihnen gewohnt ist.
Nach dem anstrengenden Wahlkampf und dem unglaublichen Zuwachs an Mitgliedern der letzten Wochen geht es jetzt darum, unsere Themen weiter auszuarbeiten, und eine Struktur aufzubauen, die eine demokratische Teilhabe aller Piraten zulässt. Die bisherige, eher konventionelle Parteistruktur mit ihren Hierarchieebenen Bundesvorstand und Landesvorständen taugt dazu weniger. Dies sind gesetzlich vorgeschriebene Organe, die in der täglichen Arbeit möglichst kleine Rollen spielen sollten.
Die Entscheidungen sollten wo immer es geht auf lokaler Ebene getroffen werden - dafür gibt es das Crewkonzept. Crews sind kleine, lokale Einheiten, die wie Zellen einer Guerillaarmee autark und nach dem Konsensprinzip operieren. Das Modell der "Liquid Democracy", das meiner Ansicht nach möglichst bald eingeführt werden sollte, kombiniert repräsentative mit direktdemokratischen Elementen. So hat jedes Mitglied Einfluss, dennoch kommt man schnell und effizient zu Entscheidungen.
Ich bin dafür, dass wir uns auf lokalen Themenkonferenzen im Stil von Barcamps gemeinsam mit Experten in Themen wie Wirtschaft, Steuern, Soziales, Energie und Gesundheit einarbeiten. Wir müssen in allen wichtigen Politikbereichen kluge, innovative Antworten geben. Der Fokus der Piraten wird immer darauf liegen, die Bürgerrechte und die Freiheit zu schützen, doch dazu bedarf es konkreter Lösungen zu allen für unsere Wähler relevanten politischen Fragen.
Die nächsten Landtagswahlen, die anstehen, sind 2010 in Nordrhein-Westfalen und 2011 in Berlin. Die Hauptstadt ist unsere absolute Hochburg, und auch in NRW haben wir Kraftzentren, z.B. Aachen und Münster, wo Piraten im Stadtrat sitzen. Bei diesen Wahlen wird sich zeigen, ob es uns gelingt, die Euphorie des "Piratensommers" 2009 in nachhaltiges Wachstum umzuwandeln und langfristig etwas zum Besseren zu verändern. Mein Tipp: wir schaffen das.



