Mittwoch, 2. Dezember 2009

Von Türmen und Tempeln

Es ist interessant, welche Wellen mein Blogpost zum Thema direkte Demokratie in der Schweiz geschlagen hat. Ich habe viel Zustimmung bekommen, aber auch eine Menge Empörung geerntet. Dabei empören sich die meisten Kritiker seltsamerweise über Dinge, die ich gar nicht geschrieben habe.

Das Ziel meines Artikels war es ja, Verständnis und Respekt für die direkte Demokratie in der Schweiz zu äußern, selbst wenn einem das Ergebnis des jetzt heiß diskutierten Volksentscheides nicht passt. Ich sehe nämlich die Gefahr, dass Gegner der direkten Demokratie wie z.B. die CDU das Ergebnis dieses Volksentscheides ausnutzen, um gegen die direkte Demokratie zu polemisieren, und die liegt mir nun einmal sehr am Herzen.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: ich bin für die Religionsfreiheit und ich halte sie für ein sehr hohes, schützenswertes Gut. Gleichzeitig bin ich aber für eine klare Trennung von Religion und Politik. Wenn ich schreibe, dass politisch-totalitäre Bewegungen nicht von der Religionsfreiheit gedeckt sind, meine ich genau das und nichts anderes. Ich will keiner Religion unterstellen, in ihrer Ganzheit eine politisch-totalitäre Bewegung zu sein. In jeder mir bekannten Religion gibt es aber Strömungen, die auf Basis von religiösen Überzeugungen Politik machen, und das führt leider oft zu einer totalitären, intoleranten Politik.

Wie hoch der Anteil von totalitären Fanatikern in den verschiedenen Religionen ist, kann und will ich nicht beurteilen. Mit den friedliebenden, toleranten Anhängern einer Religion gibt es ja auch keine Probleme - aber jeder Fundamentalist ist meiner Ansicht nach einer zuviel.

Politik wird von Menschen für Menschen gemacht und im Mittelpunkt sollte der Kompromiss zum Wohle aller stehen. Wenn fundamentalistische Politiker jedoch der Überzeugung sind, von einer "Höheren Macht" zu ihrer Politik legimitiert zu werden, sind sie nicht mehr kompromissbereit und rationalen Argumenten gegenüber verschlossen. Man konnte das gut an George W. Bush beobachten und ebenfalls auf beiden Seiten des Nahostkonfliktes: wenn Religion und Politik vermischt werden, wird es schwierig.

Beim Volksentscheid in der Schweiz ging es ja nur vordergründig um Minarette, daher gibt es so viele Missverständnisse in der Diskussion. Ich persönlich finde Minarette und Moscheen ästhetisch sehr ansprechend. Ich mag auch christliche Kirchen, Synagogen und Hindutempel, obwohl ich keiner dieser Glaubensrichtungen angehöre. Entscheidend ist aber, was darin gepredigt wird.

Wenn rein hypothetisch einige Hindupriester sich in die Politik einmischten und behaupteten, man müsse gegen die Wirtschaftskrise nur möglichst viele Menschenopfer an die Göttin Kali bringen, würde sich dagegen hoffentlich Widerstand bilden (ich wähle bewusst so ein absurdes, unrealistisches Beispiel, hält mich jetzt jemand für "hinduphob"?). Die Aktivität einiger weniger fanatischer Priester könnte dann dazu führen, dass Hindutempel allgemein als Symbole einer menschenverachtenden Politik angesehen würden.

Es wäre sehr schade, wenn andere Hindus, die gewaltfrei leben und diese Ansichten nicht teilen, darunter zu leiden hätten und keine Tempel mehr bauen dürften. Ebenso wäre es schade, wenn liberale islamische Gemeinden, die die Gleichberechtigung der Geschlechter respektieren und religiöse Schriften, die zur Tötung Andersdenkender aufrufen, als historisch überholt ansehen, keine Moscheen und Minarette mehr bauen dürften. Deshalb halte ich ein pauschales Verbot religiöser Bauwerke für keine gute Lösung.

Sinnvoller ist es, jede religöse Bewegung kritisch zu beobachten und darauf zu überprüfen, ob sie die Menschenrechte achtet und sich mit den Werten der Aufklärung verträgt. Die Religionsfreiheit ist nämlich kein Freibrief zur Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden. Ich verstehe den Volksentscheid in der Schweiz, der ja durch Stimmen aus dem linken, feministischen Lager entschieden wurde, als symbolisches Statement für die Werte der Aufklärung und gegen totalitären Fanatismus. Es mag sein, dass das Minarett hier ein unglücklich gewähltes Ziel war. Aber das Statement ist grundsätzlich richtig.

P.S. Einige Kommentatoren haben den Blogeintrag zum Film "Islam - What the West Needs to Know" vermisst, deshalb hier der Link. Ich finde den Film nach wie vor sehenswert, da er seriös und gut recherchiert ist, wollte ihm aber in meinem Blog nicht zuviel Raum geben, weil er von der mir viel wichtigeren Diskussion um direkte Demokratie ablenkt.