Montag, 9. November 2009

Wie rettet man die Musikindustrie?

Die Piraten – sind das nicht die Internet-Anarchos, die für Gratis-Downloads kämpfen? Immer wieder wird man als Pirat mit Vorurteilen dieser Art konfrontiert. Nicht jeder versteht die Ironie unseres Namens und denkt tatsächlich, wir wollten die Musiker und sonstigen Urheber enteignen. Ein Blick in unser Parteiprogramm zeigt, dass dies nicht der Fall ist: von einer Abschaffung des Urheberrechts ist dort nicht die Rede - wohl aber von einer fairen Abwägung zwischen den Interessen der Urheber und denen der Öffentlichkeit.

Bisher haben wir jedoch – das muss man zugeben – noch keine wirklich überzeugenden Lösungsvorschläge präsentieren können, wie denn eine faire Vergütung von Musik im Digitalzeitalter aussehen soll. Noch bis vor Kurzem war meine Haltung als überzeugter Marktwirtschaftler dazu, dass man sich als Partei aus dem Marktgeschehen besser heraushalten sollte – die Kreation neuer Geschäftsmodelle ist schließlich die Aufgabe von Unternehmern, nicht von Politikern.

Ausgiebige Diskussionen mit meinem alten Bekannten Tim Renner, früher Universal-Chef, jetzt mit Motor Entertainment selbst Musikunternehmer, haben mich jedoch zum Umdenken gebracht. Tim sieht im Fall der Krise der Musikindustrie sehr wohl die Politik in der Pflicht. Angesichts des Marktversagens, das er seit rund zehn Jahren beobachtet, sollten seiner Ansicht nach die Marktteilnehmer gesetzlich zu einer Einigung verpflichtet werden, um die Blockade zu durchbrechen, die für die Musiker, die Fans und die gesamte Musikwirtschaft auf Dauer schädlich ist.

Die vier Majors, die über 80% der Umsätze in der Musikindustrie unter sich ausmachen, haben bisher mit ihrer Marktmacht innovative Modelle ausgebremst. Sie versuchen stattdessen obsolete Geschäftsmodelle künstlich am Leben zu erhalten, indem sie durch massives Lobbying Einfluss auf die Politik nehmen. Diese soll, wenn es nach der Musikindustrie geht, möglichst restriktive Gesetze zur Verfolgung von „Musikpiraten“ durchsetzen. Dies geschieht ohne Rücksicht auf die treuesten Kunden der Musikwirtschaft, die Musikfans – und daher ohne Aussicht auf Erfolg. Der Geist des Filesharings ist aus der Flasche und könnte höchstens unter massiver Einschränkung der Bürgerrechte dort wieder hineingezwängt werden.

Gleichzeitig treiben die Majors mit ihrer chartorientierten Veröffentlichungspolitik die Fans in die Arme der illegalen Download-Plattformen. Die bieten nämlich aktuelle Titel, die schon im Radio laufen, deutlich früher an als die legalen Angebote wie z.B. iTunes oder Musicload. Und warum sollten Musikfans, auch wenn sie grundsätzlich bereit sind, für Musik im Internet Geld auszugeben, zu legalen Angeboten wechseln, wenn diese deutlich schlechter sind als die illegalen?

Tims Ansatz: statt illegale Angebote juristisch zu verfolgen, was einem Kampf gegen nachwachsende Hydraköpfe gleichkommt, sind die Marktchancen legaler Musikangebote zu verbessern. Sie müssen so gut zu sein, dass die User sich freiwillig für sie entscheiden.

In seinem vieldiskutierten Blog-Artikel „Das Ende der Krise der Musikwirtschaft“ schlägt er ein Modell vor, mit dem die Musikindustrie schon aus einer früheren Krise herauskam, nämlich die in den 20er Jahren nach Einführung des neuen Mediums Radio. Sie endete erst, als der Gesetzgeber für Radiosender das gesetzliche Senderecht einführte. Dadurch erhielt jeder Radiosender die Möglichkeit, alle veröffentlichten Musiktitel spielen zu dürfen, ohne sich mit den Rechteinhabern einzeln einigen zu müssen.

Gleichzeitig wurden Radiosender und Rechteinhaber mit sanftem Druck dazu gebracht, sich auf ein allgemein verbindliches Vergütungsmodell zu einigen. Zunächst gab es sowohl bei den Radiosendern als auch bei den Schallplattenfirmen heftigen Widerstand gegen diese staatlichen Eingriffe. Doch tatsächlich führte die so geschaffene Rechtssicherheit nach dem zweiten Weltkrieg zu einem langen Boom der Musikwirtschaft, der erst mit dem neuen Medium Internet zum Erliegen kam.

Gemeinsam mit Tim Renner hat die AG Musikwirtschaft der Piratenpartei ein Modell ausgearbeitet, das wir jetzt gern zur Diskussion stellen. Wir finden, dass es wesentlich besser und marktwirtschaftlicher ist als der Vorschlag von SPD und Grünen für eine staatliche Zwangsabgabe unter dem verschleiernden Titel „Kulturflatrate“ .

Wir sind gespannt auf die Diskussion um unseren ersten Entwurf, und hoffen, dass sich viele Piraten, Musiker und Musikunternehmer daran beteiligen. Dazu muss man sich einfach im Piratenwiki anmelden und der AG Musikwirtschaft beitreten.