Dienstag, 24. November 2009
Politbits und Balkanpop
Die Video-Dokumentation über das Bitfilm-Festival ist jetzt online, man findet sie in Bitfilms YouTube-Channel. Aber was das mit Politik zu tun hat? Nun, allein die Wahl des zweiten Festivalspielortes Tel Aviv ist ja an sich schon ein Politikum. Man muss nur an Irans Präsidenten Ahmedinedschad denken, der den jüdischen Staat am liebsten "aus den Geschichtsbüchern löschen" möchte und fleißig an der Atombombe basteln lässt, um dieses Ziel zu erreichen.
Darüber hinaus hat sich das Bitfilm-Festival zum ersten Mal mit politischen Themen auseinandergesetzt. In der Kategorie POLITICOOL, die nicht ohne Absicht den gleichen Namen trägt wie dieser Blog, wurden digitale Animationen, Motion Graphics und Mash-Ups mit politischer Botschaft prämiert. Diese Kategorie hat das Publikum sehr gut angenommen: hier wurde mehr abgestimmt als in den anderen drei Wettbewerben. Auch von der Qualität der eingereichten Filme waren wir sehr angetan.
Zum Gewinner des POLITICOOL-Preises kürte das Internet-Publikum, wie könnte es anders sein, Alexander Lehmann für seinen Film "Du bist Terrorist". Er kam auf Einladung des Goethe-Institutes persönlich nach Tel Aviv, um seinen Preis entgegenzunehmen und mit uns zu feiern. Alexanders Film, der in umgeschnittener Form auch als TV-Spot für die Piratenpartei eingesetzt wurde, hat sicher von dem Medienhype um die Piraten im Vorfeld der Bundestagswahl profitiert. Doch auch ohne diesen Hype ist es einfach ein guter Film, der sperrige Themen wie Voratsdatenspeicherung, Internet-Zensur und Überwachung mit Humor und technischer Brillanz filmisch umsetzt.
Meine persönlichen Favoriten kamen aus dem Nahen Osten: das Mideast Youth Network, in dem junge Leute aus arabischen Staaten, dem Iran und Israel zusammenarbeiten, war mit drei Filmen unter den Top 5 vertreten, was uns einen Sonderpreis wert war. Ihr Film "Egyptian Tourism Ad" hat tatsächlich dazu geführt, dass die Rechte der Bahaii-Religion in Ägypten gestärkt wurden. Das Mash-Up von "Persepolis", das sich mit der Unterdrückung der Bahaii im Iran beschäftigt, hat dieses Ziel noch nicht erreicht. "Iran's New Voice", bei dem Videobilder der iranischen Dikatoren mit Originalreden von Martin Luther King, Mahatma Gandhi und John F. Kennedy unterlegt wurden, wirkt nach dem blutigen Niederschlagen der iranischen Freiheitsbewegung in seiner scheinbaren utopischen Naivität umso bedrückender.
Die Regisseure dieser Filme, die im Iran und in den arabischen Emiraten leben, konnten leider nicht nach Israel kommen, ihre Regierungen hätten sie nicht ohne Repressalien gehen und wieder zurückkehren lassen. So nahmen zwei israelische Mitglieder des Mideast Youth Network den "Silbernen Roboter" für sie entgegen. Rafi Nizam, FX-Mix-Preisträger aus London, wurde übrigens bei der Einreise von israelischen Sicherheitskräften verhört - was wohl weniger an seiner Herkunft aus Bangla Desh liegt, als vielmehr daran, dass er auf seinem Passfoto eine Sonnenbrille (!) trägt. Doch die Grenzschützer waren freundlich zu ihm, versichert Rafi, und ein Anruf bei unserer israelischen Produzentin Alina, der sie erreichte als wir gerade Wein für die Abschlussfeier testeten, machte alles klar.
Alina war es auch, die das großartige Balkantrio um den in Israel lebenden deutschen Trompeter Dirk auftrieb, das unsere Preisverleihung musikalisch begleitete. Es war ihr erster Auftritt in dieser Formation, der Name "Trio Scandalli" enstand erst bei der Generalprobe am Vorabend. Die dazu passenden Visuals stammen von VJ Billy Levy, die sonst für Balkan Beat Box am Videomischer steht und daher viele skurrile Balkanvideos im Repertoire hat.
Insgesamt war es ein gelungener Abend, der uns und anscheinend auch dem Publikum viel Spaß gemacht hat. Für das nächste Jahr überlegen wir, aus POLITICOOL einen eigenständigen Wettbewerb zu machen, der unabhängig vom Bitfilm-Festival läuft.
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