Sonntag, 15. November 2009

THE ECONOMIST über den Erfolg legaler Musikangebote

In seiner letzten Ausgabe berichtet der Economist unter der etwas böse klingenden Schlagzeile "How to Sink Pirates" über neueste Entwicklungen im Internet-Musikmarkt. Obwohl Schlagzeile und Illustration zunächst nach einem piratenfeindlichen Artikel klingen, lässt der Inhalt das Piratenherz höher hüpfen.

Der Economist stellt nämlich fest, dass überall dort, wo es gute legale Angebote gibt, die Zahl illegaler Downloads deutlich zurückgeht. Laut einer Studie haben 60% der schwedischen User illegaler Filesharingbörsen deren Nutzung eingestellt oder deutlich zurückgefahren, rund die Hälfte nutzt seitdem legale Angebote wie Spotify. In Dänemark haben 40% der Nutzer des Internet-Providers TDC das illegale Herunterladen reduziert, seit dieser ein "Broadband-plus-Music"-Paket für eine Flatrate anbietet. In Großbritannien ist der Anteil der Nutzer illegaler Angebote seit 2007 von 22% auf 17% gesunken.

Diese letzte Zahl ist besonders interessant, weil in Großbritannien, anders als z.B. in Frankreich und einigen skandinavischen Ländern, bisher keine restriktiven Gesetze gegen Filesharer eingeführt wurden. Das Land hat außerdem eine der höchsten Dichten legaler Musikangebote: Spotify ist hier sehr früh auf den Markt gekommen, zwei der führenden Internet-Provider haben das "Broadband-plus-Music"-Modell von TDC übernommen.

Für den Economist ist dies ein deutliches Indiz dafür, dass es nicht die Angst vor Strafen ist, die Internet-User davon überzeugt, illegale Downloads zu unterlassen, sondern vor allem die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis der legalen Angebote.

Hoffentlich habe viele Entscheidungsträger der Musikindustrie diesen Artikel gelesen und sehen ein, dass ihre bisherige Politik der scharfen Verfolgung von Musikfans nutzlos und kontraproduktiv ist. Stattdessen sollten sie dabei mithelfen, dass es möglichst viele gut sortierte legale Anbieter gibt.

Ist angesichts dieser Marktentwicklung das von der AG Musikwirtschaft vorgeschlagene Modell eines gesetzliches Verbreitungsrechts im Internet hinfällig geworden? Ich meine, nein. Bisher reden die Majors nämlich in der Regel nur mit Anbietern, hinter denen Großkonzerne wie Apple, die deutsche Telekom oder Google stehen. Die Majors nutzen ihre marktbeherrschende Stellung, in dem sie hohe Vorschüsse und Minimumgarantien verlangen. Ein gesetzliches Verbreitungsrecht in Verbindung mit der Pflicht der Anbieter, die Rechteinhaber angemessen an den Einnahmen zu beteiligen, würde allen Marktteilnehmern die gleichen Chancen einräumen.

Das heißt: nicht nur die Apples und Googles dieser Welt, sondern auch kleine und mittelständische Unternehmen hätten die Chance, hochklassige legale Musikangebote zu betreiben. Die Differenzierung würde dann weniger über den Umfang des Angebots, als viel mehr über die redaktionelle Qualität und die Cleverness des Empfehlungsystems laufen.

Wenn wir den vom Economist zitierten Studien vertrauen, würde sich mit dem Aufkommen von guten legalen Angeboten die Nutzung illegaler Angebote immer weiter zurückgehen. Sehr bald würde die illegale Verbreitung von Musik keinen Sinn mehr ergeben, da Musik im Internet überall legal, preisgünstig und in hoher Qualität verfügbar wäre. Der Versuch der Musikindustrie, die Bürgerrechte durch Internet-Sperren und Hadopi-Gesetze einzuschränken, wäre dann nur eine amüsante Episode der Wirtschafts- und Rechtgeschichte.